Hl. Theresia vom Kinde Jesu – eine himmlische Freundin

Hl. Theresia vom Kinde Jesu – eine himmlische Freundin

Am Freitag, 30. September 2022, feiert die Kirche den 125. Todestag der hl. Thérèse (oder Theresia) vom Kinde Jesu (von Lisieux). Wie wir wissen, war der hl. Maximilian Kolbe, der Gründer der Militia Immaculata, einer ihrer großen Verehrer. Deshalb widmen wir nachstehenden Artikel dieser Heiligen.

Die verschiedenen Zitate sind (sofern nicht anders angegeben) aus ihrer Autobiografie „Die Geschichte einer Seele“, Kindle-Version.

Wer war sie?

Thérèse von Lisieux wurde am 2. Januar 1873 in Alençon, Frankreich geboren, wurde später Ordensfrau und starb bereits mit 24 Jahren am 30. September 1897 in Lisieux, Frankreich. Trotz ihres jungen Alters wurde sie zu einer großen Heiligen, denn sie wurde später zur Patronin der Weltmission sowie zur Kirchenlehrerin ernannt, obwohl sie weder in den Missionen noch Professorin in Theologie oder ähnliches war.

Thérèse wurde als jüngstes von neun Kindern geboren. Die Mutter starb, als sie erst vier Jahre alt war. Thérèse wurde von den Schwestern zunächst sehr verwöhnt, wuchs als launisches Mädchen auf und erhielt Privatunterricht. Später aber wurde sie frommer, sicherlich auch aufgrund eines Ereignisses, welches wir weiter unten lesen.

Bereits als Fünfzehnjährige stellt sie Aufnahmegesuche, um in den Karmel eintreten zu dürfen. Diese wurden jedoch mehrfach abgelehnt, zum einen wegen ihres jugendlichen Alters, zum anderen wegen der Mitgliedschaft ihrer leiblichen Schwestern im Konvent von Lisieux. Erst nachdem der zuständige Bischof eine Ausnahmebewilligung gewährt hatte, folgte sie ihren Schwestern Pauline und Marie in den Karmel von Lisieux. Am 10. Januar 1889 wird Theresia eingekleidet und am 8. September 1890 legt sie ihre Profess ab.

Als Ordensnamen wählte sie Thérèse vom Kinde Jesus, am 10. Januar 1889 fügte Thérèse diesem noch „und vom Heiligen Antlitz“ hinzu.

Thérèse gab sich auf ihrem Lebensweg ganz Gott und den Mitmenschen hin. Diese Hingabe zeigte sie gerade in den kleinen Gesten des Alltags (ihr sogenannter „kleiner Weg“ der Liebe). Ihr eigenes Leben als Ordensfrau lebte sie in strenger Klausur, wie dies im Karmel üblich ist. Sie durchlebte verschiedene Phasen des religiösen Lebens, auch das Gefühl der Gottesferne. Sie war ständig auf der Suche nach der Heiligkeit und betete viel, gerade auch für die Priester und das Apostolat, damit sich möglichst viele Menschen bekehren würden.

Im Jahr 1897, mit nur 24 Jahren, starb Thérèse nach einer Tuberkuloseerkrankung.

War sie eine Marienverehrerin?

Ja natürlich. Zum einen sicherlich aufgrund der Tatsache, dass sie bereits so früh ihre Mutter verlor und deshalb bald die Mutter Gottes zu ihrer himmlischen Mutter wählte. Ebenso wissen wir aber auch aus den ersten Zeilen ihrer Selbstbiographie („Geschichte einer Seele“), die sie auf Anordnung ihrer Oberin verfasste:

„Bevor ich zur Feder griff, habe ich mich vor der Statue Mariens niedergekniet, vor jener, die uns so viele Beweise der mütterlichen Vorliebe der Himmelskönigin für unsere Familie geschenkt hat, ich habe sie angefleht, meine Hand zu führen. Denn ich will keine Zeile schreiben, die ihr nicht angenehm wäre.“ (S. 4)

Ebenso schrieb sie ihr letztes Gedicht: „Pourquoi je t’aime Ô Marie !“ – „Warum ich dich liebe, Maria!“, worin sie in 25 Strophen ihre Liebe zur himmlischen Mutter ausdrückte (siehe weiter unten)

Erschien ihr die Mutter Gottes?

Gegen Ende 1882 (sie war also knapp 10 Jahre alt) wurde Thérèse krank. Die Krankheit verschlimmerte sich, die Ärzte wussten nicht, was sie hatte, doch sie bestätigten die Schwere der Krankheit, „von der ein Kind ihres Alters noch nie befallen worden war. Jedermann war bestürzt.“ (S. 63)… „die Krankheit wurde immer schlimmer, nach menschlichem Ermessen konnte ich nicht mehr genesen“ (S. 65). Am Sonntag, 13. Mai 1883, knieten sich ihre Schwestern Marie, Leonie und Céline neben dem Bett der Thérèse hin und wandten sich innigst zur Muttergottes und baten sie voller Inbrunst um Genesung ihrer kleinen Schwester.

 „Plötzlich erschien mir die Muttergottes schön, so schön, wie ich nie Schöneres gesehen hatte.

Ihr Antlitz atmete unaussprechliche Güte und Zärtlichkeit; was mir aber bis ins Innerste der Seele drang, das war das bezaubernde Lächeln der seligsten Jungfrau. Da zerstoben alle meine Leiden, zwei dicke Tränen entquollen meinen Augen und rollten lautlos über meine Wangen. Aber es waren Tränen ungetrübter Freude. Oh! dachte ich, die Seligste Jungfrau hat mir zugelächelt, was bin ich glücklich. Aber nie will ich es jemandem erzählen, denn sonst würde mein Glück verschwinden. Ohne jede Anstrengung senkte ich die Augen und sah Marie, die mich mit Liebe anblickte. Sie schien bewegt, sie schien etwas von der Gnade zu ahnen, die mir die Muttergottes gewährt hatte. Ja, ihr, ihren ergreifenden Gebeten verdankte ich die Gnade des Lächelns der Himmelskönigin. Als sie meinen Blick unverwandt auf die Statue gerichtet sah, hatte sie sich gesagt: ‘Therese ist geheilt!’ Ja, die kleine Blume sollte neu aufleben, der leuchtende Strahl, der sie erwärmt hatte, sollte wohltuend weiterwirken. Nicht mit einem Schlage wirkte er, sondern sanft, milde richtete er seine Blume wieder auf und kräftigte sie wieder, weshalb sie fünf Jahre später auf dem fruchtbaren Berg des Karmel sich entfalten konnte. (S. 70f).

Ihre Schwester Marie erkannte aber nach der Erscheinung, was passiert war und fragte Thérèse direkt, worauf Thérèse die Wahrheit sagen musste. Marie bat darum, dies den Schwestern im Karmel erzählen zu dürfen. Diesen Wunsch schlug sie nicht ab. Doch führte dies dazu, dass man Thérèse ausfragte und die Schwestern ihr diese außerordentliche Gnade nicht glaubten, worunter Thérèse sehr leiden musste. „…aber die Muttergottes ließ diese Qual zum Besten meiner Seele zu, vielleicht wären mir sonst eitle Gedanken gekommen. Da nun aber die Demütigung mein Teil wurde, konnte ich mich nicht ohne ein Gefühl tiefen Abscheus betrachten. Ach! Was ich gelitten habe, werde ich erst im Himmel aussprechen können.“ (S. 71)

Welche Beziehung hatte der hl. Maximilian Kolbe zu ihr?

Wie wir aus seiner Biografie wissen, verehrte er die hl. Theresia vom Kinde Jesu stark. Denn der hl. Maximilian Kolbe hatte lange Zeit Mühe, die MI voranzubringen. Und so bat er auch inständig die (damals noch) selige Theresia vom Kinde Jesu, sie möge ihm helfen. Wie wir in seiner Biografie lesen, hatte Maximilian Kolbe offenbar in Rom einen Vertrag mit ihr abgeschlossen. Sie war damals erst seliggesprochen und er versprach ihr, täglich für ihre Heiligsprechung zu beten, wenn sie das Amt einer Schutzherrin über seine Werke annehme. So ging beides in Erfüllung: Auf der einen Seite wurde Theresia von Lisieux am 17. Mai 1925 heiliggesprochen und am 14. Dezember 1927 neben dem hl. Franz Xaver auch zur Patronin der Weltmission erklärt. Auf der anderen Seite begann sich das Werk der Immaculata weiter zu entfalten. Viele Novizen wollten ins Kloster eintreten mit der Bitte, Pater Kolbe im Aufbau der MI unterstützen zu dürfen.

Ebenso wissen wir, dass der hl. Maximilian Kolbe eine Reise nach Westeuropa unternahm und in Lisieux das Grab der heiligen Theresia vom Kinde Jesu besuchte. Die Basilika befand sich damals gerade im Bau.

Und was können wir von ihr lernen – für die heutige Zeit?

Die hl. Theresia vom Kinde Jesu lehrt uns, die alltäglichen Dinge mit viel Liebe für den lieben Gott zu tun; diese auch – wie im Geiste der Militia Immaculatae – besonders aufzuopfern für die Bekehrung der Sünder und die Rettung der Seelen. Sie lehrt uns, ein kindliches Vertrauen zu haben zur himmlischen Mutter und zum lieben Gott. Versuchen wir dies täglich zu tun.

Hl. Theresia vom Kinde Jesu – bitte für uns!

Gedicht: Warum ich dich liebe, Maria!

(das letzte Gedicht der hl. Theresia vom Kinde Jesu [Original in Französisch], Mai 1897)

Lass mich dir singen, die ich meine Liebe nenne,
Maria, dir, die große Wonne mir gebracht.
Vor dir ich, Mutter, weder Furcht noch Zagen kenne,
Obgleich ich deines hohen Vorzugs oft gedacht.
Wenn ich nur würde deiner Ehren denken,
Wie du im Himmel thronst als aller Königin,
Ich müsste zagend meine Augen niedersenken
Und könnte nimmer glauben, dass dein Kind ich bin.

Damit ein Kind für seine Mutter Lieb‘ empfinde,
Muss diese mit ihm teilen seines Lebens Schmerz.
O Herzenskönigin! Du hast mit deinem Kinde
Im Erdental geweint, um anzuziehn mein Herz.
Das Buch der Bücher hat mir Trost und Mut gegeben.
Froh schau ich auf zu dir; vertrauend nah‘ ich mich.
Ich bin dein Kind. Hienieden führtest du mein Leben;
Du musstest, Mutter, leiden, sterben gleich wie ich.

Du gibst, als Gabriel des Himmels Antrag brachte,
Zu werden Mutter seines Herrn der Ewigkeit,
Geheimnisvolle Antwort, die ich gern betrachte.
Doch hältst du das Gelöbnis der Jungfräulichkeit.
O unbefleckte Jungfrau, gut ich es verstehe,
Dass du dem Herrn viel teurer als der Himmel bist,
In deiner Seele jenes milde Tal ich sehe
In das sich birgt ein Meer der Liebe, Jesu Christ.

Ich liebe dich, nur seine Sklavin willst du werden.
Entzückt hat Gott auf deine Niedrigkeit gesehn.
Dein Herz voll Demut macht allmächtig dich auf Erden.
Dir konnte der Dreieine selbst nicht widerstehn.
Der Heil’ge Geist ist über dich herabgekommen;
Es wurde Mensch des Vaters Sohn im Schoße dein.
Zahllose sünd’ge Brüder sein sind angenommen
Von dir. Dein Erstgeborner doch wollt‘ Jesu sein.

Gleich dir, Maria, ist auch meine kleine Seele,
So arm sie ist, des Allerhöchsten liebster Ort.
Nicht zage ich ob ihrer Schwäche, ihrer Fehle.
Der Reichtum meiner Mutter ist des Kindes Hort.
Dein Kind bin ich, in deine Tugend ich mich hülle;
Und deine Liebe mache ich zu eigen mir.
Kommt Jesus in mein Herz in weißer Broteshülle,
So glaubt dein mildes Lamm, es ruh‘ im Schoß bei dir.

Ich fühle Kraft in mir, auch deinen Weg zu wandeln,
Auf schmalem Steg, o Königin der Sel’gen Schar.
Du zeigst den Pfad zum Paradiese durch dein Handeln;
Dein Tugendleben über alles einfach war.
Maria, lass mich stets in Demut bei dir weilen.
Für mich ist Ruhm und Glanz der Welt nur Eitelkeit.
Ich sehe dich zur Base ins Gebirge eilen.
Dem Nächsten helfend beizustehn, mach mich bereit.

Ich lausche knieend, Engelskönigin, den Weisen
Des Lobgesanges, der aus deinem Herzen quoll.
Du lehrest mich die Güte und die Macht zu preisen,
Dass ich in Jesus, meinem Herrn, mich rühmen soll.
O, deine Worte sind mir wunderbare Rosen.
Ja, Großes hat an dir, der mächtig ist, getan.
In Zukunft sollen deine Lehren mich umkosen.
Betrachten will ich sie, dass ich die Allmacht loben kann.

Du hieltst Sankt Joseph deine Mutterschaft verborgen.
Du wolltest gern verkannt in deiner Demut sein.
So nah dem Heiligtum, belässt du ihn in Sorgen;
Dein reiner Schoß schloss eines Gottes Schönheit ein.
Wie liebe, Mutter, ich dies so beredte Schweigen;
Für mich ist es Musik voll Klang, doch mild und traut.
So kann nur jene Seele ihre Größe zeigen,
Die gläubig auf zum Himmel blickt und auf ihn baut.

Du warst, o heilig Paar, in Bethlehem verstoßen;
Kein Haus bot dir sein schützend Dach zum Ruhen an.
Den freien Platz bewahrt man sorglich für die Großen;
Und kalt entlässt euch, arme Freunde, jedermann.
Der Platz ist für die Großen! und im armen Stalle
Verlässt ein Gottessohn der reinen Jungfrau Schoß.
O milde Königin, im lauten Jubelschalle
Sing ich: „Du bist im armen Raum erhaben groß!“

Gehüllt in Windeln sehe ich im Tal der Mängel
Das Ew’ge Wort, ein schwacher Laut dem Mund entweht,
Wie könnte ich beneiden jene Schar der Engel,
die ihren Herrn, der doch mein Bruder ist, umsteht.
In der Verbannung wir dich, Mutter, endlos preisen.
Aufsprießen ließest du die Gottesblume zart,
Verkehrtest liebreich mit den Hirten und den Weisen;
Sorgfältig hat dein treues Herz ihr Wort bewahrt.

Ich liebe dich, da du zum Tempel hingegangen
Und so verborgen stehst in armer Frauen Kreis.
Den Heiland unsrer Seelen, aller Welt Verlangen,
Empfängt von dir liebkosend Simeon, der Greis.
Erst hör ich lächelnd zu des frommen Mannes Singen;
Doch bald erfasst mich, o Maria, tiefer Schmerz.
Prophetisch ruft der alte  Lehrer aus: „Durchdringen
Wird bald ein siebenfaches Schwert dein Mutterherz.“

O Königin der Märtyrer! In letzter Stunde
Wird dich durchdringen noch ein grausam schmerzlich‘ Schwert.
Schon treibt dich eines eifersücht’gen Königs Kunde
Aus deinem Vaterland, weil er dein Kind begehrt.
Es schlummert Jesus sanft in deines Schleiers Falten.
Sankt Joseph kommt und spricht von Flucht zur selben Zeit.
Gehorsam seh ich dich als seine Dien’rin walten;
Du zögerst, fragest nicht, du bist sogleich bereit.

Mir scheint, es schlug, Maria, an des Niles Strande
Dein Herz trotz aller Not und Armut voller Lust.
Ward dir mit Jesus nicht zum schönsten Vaterlande
Der Ort? Trugst du den  Himmel nicht an deiner Brust?
Doch zu Jerusalem, da hör ich deine Klage:
„O schauet, größer wie das Meer ist all mein Schmerz.“
Verbirgt sich Jesus doch drei lange, lange Tage.
Das war Verbannung für dein liebend Mutterherz.

Doch deine Liebe siegt. – Endlich ist er gefunden.
„Geliebtes Kind, warum hast du uns so betrübt?“
Sprichst du zum Sohn, der die Gelehrten überwunden:
„Wir suchten schmerzlich dich, den wir so heiß geliebt.“
Zur Mutter, welche liebend ihren Arm ausbreitet,
O welch Geheimnis tief! der Knabe also spricht:
„Warum habt ihr gesucht und Sorge euch bereitet?
Ich tat des Vaters Willen. Wusstet ihr das nicht?“

„An Weisheit, Gnad‘ vor Gott und Menschen zugenommen
Hat er“, so sagt die Schrift, „und wurde untertan.“
Mir sagt mein Herz, wie liebend er zuvorgekommen
Dem kleinsten Wunsch der Eltern und danach getan.
Nun kann ich, Mutter, ein Geheimnis gut verstehen,
Die Antwort meines lieben Königs ist mir klar.
Er will in dir das Beispiel jener Seelen sehen,
Die ihn in Nacht des Glaubens suchen immerdar.

Nach Gottes Willen war dir, Mutter, hier beschieden
Des Glaubens Dunkel und das größte Herzeleid.
In Wahrheit ist der Schmerz ein kostbar Gut hienieden;
Aus Liebe leiden ist die reinste Seligkeit.
Und alles, was ist mein, kann Jesus wieder nehmen.
O sage, Mutter, ihm, dass er mich schone nicht.
Verbergen kann er sich, ich warte bis mein Sehnen
Und Glauben sich verwandelt in Besitz und Licht.

Wie war in Nazareth, o Jungfrau, schlicht dein Leben.
In Armut und Entsagung floss es still dahin.
Nicht sollten Wunder und Extasen dich erheben;
Verborgen sein, das liebt der Sel’gen Königin.
Wohl groß ist jene Zahl der unscheinbaren Seelen;
Doch alle blicken ohne Zittern auf zu dir.
O Mutter ohnegleichen du! Uns zu empfehlen
Den schlichten Himmelsweg, warst du so einfach hier.

O Mutter, lieb und gut auf dieser Lebensreise
Geh ich an jedem Tag mir dir froh Hand in Hand.
Betrachte ich, o Jungfrau, dich, entzückt ich preise
Den Abgrund deiner Mutterliebe, den ich fand.
Dein milder Blick verscheucht mein Fürchten und mein Zagen.
Du lehrest kosten mich die Freude und das Leid.
Auch du erscheinest wohl an hohen Festes Tagen,
Zu segnen sie durch deine Gegenwart, warst du bereit.

Zu Kana sahest du des Hochzeitspaares Sorgen;
Und du entdeckst: den Armen mangelt es an Wein.
In deinem Mitleid gehst zum Heiland du verborgen;
Vertrauend seiner Macht willst du ihr Anwalt sein:
Es scheint, als achte Jesus nicht der Mutter Flehen.
Er spricht: „O Weib, was kümmert’s mich und dich.“
Doch kann der Sohn der Mutter nimmer widerstehn
Und sieh, er wirkt die erste Wundertat für dich.

Einst hörten Sünder deines Sohnes frohe Kunde,
Dass ihnen das ersehnte Himmelreich sei nah.
Auch dich, Maria, finde ich in ihrer Runde,
Und einer spricht: „Es ist des Meisters Mutter da.“
Da will der Gottessohn vor aller Welt bekennen,
Wie tief und unermesslich er uns alle liebt.
Er spricht: „Den will ich Bruder, Schwester, Mutter nennen,
Der treu den Willen meines Vaters droben übt.“

O Jungfrau rein, o zarte Mutter aller Zeiten!
Des Heilands Worte finden in dir Widerhall.
O ja, ihr Sinn musst große Freude dir bereiten;
Verwandt sind unsre Seelen ihm auf Erden all.
Wie freust du dich, dass er uns gibt von seinem Leben
Und Schätze seiner Gottheit so unendlich reich!
Ich sollte dir nicht Dank und meine Liebe geben!
Wer ist an Großmut dir und an Erbarmen gleich!

Wie Jesus willst du uns des Herzens Liebe schenken.
In eine Trennung willigst du für uns gern ein.
Denn lieben heißt: verzichten, nur an andre denken.
Du lässt den Sohn, um fürder unser Schutz zu sein.
Es kannte Jesus deine Güte und er baute
Auf deines Mutterherzens tiefen Liebesgrund,
Als er uns dir, der Sünder Zuflucht, anvertraute
Am Kreuze noch in seiner letzten Leidensstund‘!

Wenn ich dich seh, Maria, auf Kalvaria stehen,
Erscheinst du mir gleich einem Priester am Altar.
Den Vater zu versöhnen, dahin geht dein Flehen.
Zum Opfer bringst du den geliebten Sohn ihm dar.
O Schmerzensmutter, dein sind des Propheten Worte:
„Ihr Menschen seht, ob ein Schmerz sei dem meinen gleich.“
Indem du bleibst bei uns an diesem Tränenorte,
Gabst du uns deines Herzens Blut ohn‘ Maßen reich.

Des Sankt Johannes Haus ist Heimat dir gewesen.
Er wird dein Sohn, statt deines Jesu groß und hehr.
Das ist das letzte, was im heil’gen Buch wir lesen,
Dann spricht es von der Gottesmutter niemals mehr.
Geliebte Mutter mein, o dieses tiefe Schweigen
Macht uns das Ew’ge Wort selbst klar und offenbar.
Dein Wunderleben wird es deinen Kindern zeigen,
Sie zu entzücken droben mit der Sel’gen Schar.

Bald werde hören ich das Lied zum ew’gen Frieden,
Dann eile ich zum Himmel und zu dir hinauf.
Du, die gelächelt mir, dem Kind, so früh hienieden,
O lächle, Mutter, auch, wenn endigt einst mein Lauf.
Nicht fürchte ich, Maria, deiner Glorie Schimmer,
Dein Leid war auch mein Teil. Zu deinen Füßen, Königin,
Will ich von meines Herzens Liebe singen immer,
Um ewig dir zu sagen, dass dein Kind ich bin.

 

Gedicht Quelle: Die ehrwürdige Theresia vom Kinde Jesu, Geschichte einer Seele von ihr selbst geschrieben, 4. Aufl., Kirnach-Villingen (Baden) 1922, S. 415-421.

 

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